Eine friedliche Lösung für die Ukraine unter Berücksichtigung der Sicherheitsinteressen auch Russlands ist laut dessen Botschafter in Berlin das Ziel Moskaus. Bei einem Empfang zum Nationalfeiertag des Landes beschrieb er dieses als widerstandsfähig und als geschichtsbewusst.

Der kollektive Westen habe offen das Bestreben, Russland eine «strategische Niederlage» zuzufügen. Das kritisierte der Botschafter Russlands in Deutschland, Sergej Netschajew, am Freitag in Berlin. Er zeigte sich jedoch sicher, dass «den Widersachern erneut entschlossener Widerstand» entgegengesetzt wird.
Das Recht der Völker Russlands auf ihre Identität sowie auf traditionelle geistige und moralische Werte werde verteidigt, betonte der Botschafter. Die Werte des Landes «basieren auf ethnokultureller und religiöser Vielfalt, der Liebe zur Heimat und dem Respekt vor ihrer Geschichte». Der Botschafter machte klar: «Ein entscheidender Faktor für den Schutz der Souveränität Russlands war schon immer der innere Zusammenhalt angesichts schicksalhafter Herausforderungen, äußerer Bedrohungen, Druckausübung und Destabilisierungsversuchen.»
Anlass der Rede war ein Empfang zum Nationalfeiertag Russland, dem 12. Juni, in der Botschaft. Am 12. Juni 1990 wurde die Erklärung über die staatliche Souveränität der Russischen Föderation verabschiedet. Das Datum wurde auf Präsidentenerlass 1998 zum russischen Nationalfeiertag, zum Tag Russlands, erklärt.
Botschafter Netschajew ging beim Empfang auf die Geschichte ebenso wie auf die aktuelle Lage ein. Der Einladung waren über 50 Botschafter und Diplomaten sowie Militärattachés zahlreicher Staaten aus Afrika, Asien, Lateinamerika, dem Nahen Osten und Europa gefolgt. Unter den Ehrengästen waren auch Überlebende der Blockade von Leningrad, ehemalige KZ-Gefangene, Vertreter der Russisch-Orthodoxen Kirche, russische Landsleute und Journalisten sowie zahlreiche deutsche Gäste.
Der Botschafter Russlands erinnerte daran, dass sich am 22. Juni zum 85. Mal der Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion und der Beginn des Großen Vaterländischen Krieges jährt. Dieses Datum markiere eines der tragischsten Daten in der Geschichte Russlands. «Von der Idee der rassischen Überlegenheit verblendet, beabsichtigten die Angreifer, die Völker der UdSSR zu vernichten und zu versklaven, um Lebensraum für das Dritte Reich zu schaffen», so Netschajew.
Um den Preis enormer Opfer sei es der Sowjetunion gelungen, «die Welt von der braunen Pest zu befreien», erinnerte er. Es sei die «gemeinsame Pflicht, die Erinnerung an diese Heldentat sorgfältig zu bewahren, zu verhindern, dass die Lehren der Vergangenheit in Vergessenheit geraten und dass der Neonazismus in jeglicher Form wieder aufkeimt». Russland lehne «jede Form von Geschichtsrevisionismus entschieden ab, ebenso wie Versuche, den entscheidenden Beitrag der Roten Armee und des sowjetischen Volkes zur Zerschlagung des Nationalsozialismus herabzuwürdigen».
Es sei «unfassbar», dass heute in einer Reihe europäischer Länder Nazis und ihre Handlanger offen verherrlicht werden, beklagte der Botschafter. Märsche von SS-Veteranen würden veranstaltet, während gleichzeitig Denkmäler für sowjetische Soldaten zerstört, Symbole des Sieges verboten und versucht werde, die Erinnerung daran auszulöschen. Das sei «unzulässig», betonte Netschajew und fügte hinzu:
«Die vom Nürnberger Tribunal dokumentierten, in der Weltgeschichte beispiellosen Verbrechen des Dritten Reiches und seiner Handlanger sind unbestreitbar und müssen als Völkermord an den Völkern der UdSSR anerkannt werden. Wir fordern den Bundestag und die Bundesregierung der BRD auf, diesen Schritt zu tun und die historische Gerechtigkeit für Russland wiederherzustellen.»
Der Botschafter Russlands äußerte sich auch zum anhaltenden Krieg in der Ukraine. Er verwies auf den massiven politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Druck des Westens im Zusammenhang mit dem «gegen Russland entfesselten Stellvertreterkrieg und mehr als 30.000 unrechtmäßiger antirussischer Sanktionen».
Russland setze sich für eine friedliche Beilegung des Ukraine-Konflikts ein, «die die grundsätzlichen Sicherheitsinteressen unseres Landes und die Rechte der russischsprachigen Bevölkerung der Ukraine berücksichtigt». Dabei gehe es, «um ein langfristiges, umfassend ausgearbeitetes, rechtlich einwandfreies Abkommen und nicht um eine vorübergehende Atempause für Kiew», betonte Netschajew. Russlands sei «konsequent und unverändert».
Russland blicke trotz aller Probleme «zuversichtlich in die Zukunft, gestützt auf einen breiten gesellschaftlichen Konsens und ein klares Bewusstsein für seine nationalen Interessen». Die Wirtschaft sei stabil und das jüngste Internationale Wirtschaftsforum in St. Petersburg mit mehr als 20.000 Gästen aus 140 Ländern habe das wachsende Interesse der weltweiten Mehrheit an einer Zusammenarbeit mit Russland bestätigt.
«Unsere Gegner müssen anerkennen, dass der Versuch einer internationalen Isolierung Russlands gescheitert ist. Wir haben viele Freunde und Gleichgesinnte, die eine unabhängige Politik betreiben und an der Gestaltung einer gerechten, multipolaren Welt mitwirken wollen.»
Er ging auch auf das Verhältnis zu Deutschland und den anderen westlichen Staaten ein und erklärte: «Der Kurs auf die Zerstörung der einzigartigen und vielschichtigen bilateralen Beziehungen war nie unsere Wahl.» Die russische Politik sei «offen und berechenbar und auf die Entwicklung gleichberechtigter partnerschaftlicher Beziehungen zu allen Ländern ausgerichtet, einschließlich unserer europäischen Nachbarn». Russlands Präsident Wladimir Putin habe wiederholt betont, «dass unser Land keine aggressiven Pläne gegenüber den westlichen Staaten hegt».
Es bleibe zu hoffen, dass die westlichen Staats- und Regierungschefs diese Botschaft verstehen, so der Diplomat. An die Stelle der ungebremsten Militarisierung und der Kriegsvorbereitungen gegen Russland müsse die Erkenntnis der eigenen nationalen Interessen treten. Er sei überzeugt, «dass davon alle Seiten profitieren werden und es gelingen wird, die Welt von der gefährlichen Grenze zum Krieg abzubringen».