Trotz allem: Спасибо за освобождение – Gedenken an Sowjetsoldaten trotzt Verboten

Am frühen Abend des 8. Mai kamen nur wenige Menschen zum Sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow, wahrscheinlich auch in Folge der Anti-Russland-Hetze und der Verbote

Gab es das schon einmal in der Bundesrepublik: Ein Verbot, Fahnen und Symbole der Länder und Armeen zu zeigen, die den deutschen Faschismus besiegt haben, wenn derjenigen Soldaten gedacht wurde, die das unter großen Opfern vollbrachten? Und dass so etwas damit begründet wurde, so würden Kriege der Gegenwart verherrlicht?

Gab es ein solches Verbot etwa in den 1960 und 1970er Jahren, als die USA Vietnam „in die Steinzeit zurückbombten“? Wurden da die Fahnen und Symbole der USA und ihrer Armee bei Gedenkveranstaltungen an die im Kampf gegen die faschistische Wehrmacht gefallenen US-Soldaten verboten? Geschah das, als die USA mit einer „Koalition der Willigen“ 2003 völkerrechtswidrig den Irak überfielen und das Land zerstörten, das sich bis heute nicht davon erholt hat?

Nein, so etwas gab es in der Bundesrepublik bisher nicht. Es wäre auch absurd. Was können jene, die vor etwa 80 Jahren Europa von den deutschen Faschisten befreiten und dabei ihr Leben gaben, für das, was folgte? Was können ihre Angehörigen für das, was die Regierung ihres Landes später machte, egal wie das zu bewerten ist? Ein solches Verbot wäre nicht nur absurd, sondern eine Schande.

Aber genau ein solches absurdes und schändliches Verbot erließ die Berliner Polizei zum „Tag der Befreiung“ am 8. Mai dieses Jahres. Ebenso zum darauffolgenden „Tag des Sieges“ am 9. Mai, den die meisten einstigen Völker der Sowjetunion bis heute begehen. Für beide Tage wurde auf 16 Seiten alles Mögliche verboten: vom Tragen militärischer Uniformen und Uniformteilen, von militärischen Abzeichen und den schwarz-orangenen St. Georgs-Bändern über das „Zeigen von Fahnen und Flaggen mit russischem oder ukrainischem Bezug“ bis hin zum „Zeigen von Symbolik und Kennzeichen, die geeignet sind, den Russland-Ukraine-Krieg zu verherrlichen, z.B. das Zeigen der Flagge der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR), das Verwenden von russischen und sowjetischen Militärflaggen“.

Deutsche Polizisten gegen sowjetische Fahnen

Und so forderten an beiden Tagen vor sowjetischen Ehren- und Grabmälern wie in Berlin-Tiergarten, Berlin-Schönholz und Berlin-Treptow deutsche Polizisten Menschen auf, mitgebrachte Fahnen, Abzeichen, T-Shirts und Ähnliches abzulegen, da sie sonst die jeweiligen Gelände nicht betreten durften. Das geschah auch mir am Vormittag des 9. Mai vor dem Ehrenmal in Treptow, weil ich ein russisch-schweizerisches Freundschaftsabzeichen trug. Selbst eine jugoslawische Fahne durfte nicht wie in den Jahren zuvor auf dem Gelände gezeigt werden. Die Farben Weiß, Blau und Rot seien in allen Kombinationen inzwischen öffentlich verboten, erklärte ein Uniformierter dem Fahnenträger.

Das geschehe alles nur zu seinem Schutz, erklärten deutsche Polizisten diesem Mann aus Russland

Das geschehe nur zum Schutz derjenigen, die der sowjetischen Opfer und oftmals ihrer gefallenen Angehörigen gedenken wollen, erklärte einem aus Russland stammenden Menschen ein deutscher Polizist allen Ernstes. „Wenn Sie sowas zeigen und das gefällt jemand nicht und der geht mit einer Latte auf sie los, dann haben wir ein Problem“, erklärte er. Dass er und seine uniformierten Kollegen da längst versagt haben, wenn jemand auf dem Gelände des Ehrenmals mit irgendeiner Waffe gewalttätig wird, das sagte er nicht.

Dafür setzten die Uniformierten konsequent das Verbot durch, dass die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Slowik am 6. Mai unter anderem so begründet hatte: „Wir schützen das würdevolle Gedenken an 15 Gedenkstätten und Mahnmalen durch umfassende Regelungen, die jede Auseinandersetzung an diesen Orten verhindern sollen. Gleichzeitig gehen wir gegen jede Form der Unterstützung, Billigung, Verherrlichung oder gar Glorifizierung des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine insbesondere in Versammlungen vor.“

Hundertfaches Gedenken trotz politischer Schande

Es klingt wie bittere Ironie, dass eine Vertreterin des Nachfolgestaates des besiegten faschistischen Deutschlands den Angehörigen und Nachfahren der Sieger der Roten Armee vorschreibt, wie sie ihrer Opfer und der 27 Millionen Toten der Sowjetunion zu gedenken haben. Es ist absurd, eine Schande und durch nichts zu entschuldigen. Das gilt auch für die deutschen Polizisten, die auf Befehl russische Familien auf dem Ehrenmal-Gelände in Treptow aufforderten, die Fotos ihrer gefallenen Angehörigen nicht zu offen und zu lang zu zeigen. Ein Uniformierter erklärte dabei noch „Ich habe ja Verständnis für ihren Unmut.“, aber er müsse trotzdem die Verordnung umsetzen. Er war vielleicht Mitte 30. Ich bin mir sicher, dass er nichts verstanden hat. Auch nicht, als ich ihm sagte, dass mein Großvater wie viele andere Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg mit all den Verbrechen genauso erklärten, sie hätten ja nur Befehle ausgeführt.

Und dennoch war die sowjetische Siegesfahne zu sehen

Ein Russe wurde auf dem Gelände von sechs Polizisten festgesetzt, weil er eine uniformartige Jacke trug. Das geschah, kurz nachdem der russische Botschafter Sergej Netschajew und dessen Amtskollegen anderer Staaten, die aus der Sowjetunion hervorgingen, das Ehrenmal verlassen hatten. Dann erlebte ich, wie der Polizei-Beamte das Tragen der Fotos einschränken wollte. Zuvor war für etwa eine Stunde das wie auch das Zeigen russischer und sowjetischer Fahnen auf dem Gelände erlaubt – während der offiziellen Kranzniederlegung durch den russischen Botschafter und der anderen Diplomaten sowie Militärs dieser Länder. So kam es, dass die sowjetische Siegesfahne, die im April 1945 auf dem Reichstag in Berlin gehisst worden war, doch noch am Ehrenmal mit dem Soldaten, der das Hakenkreuz zertritt und ein Kind auf dem Arm trägt, zu sehen war.

Russlands Botschafter Sergej Netschajew gedachte am 9. Mai in Berlin-Treptow gemeinsam mit seinen Amtskollegen anderer ehemaliger Sowjetrepubliken der Gefallenen

Kränze, Sträuße und unzählige einzelne Blumen kündeten vom Gedenken vieler verschiedener Menschen, manche mit einem kleinen Zettel „ Hет войнe! – Kein Krieg“ versehen. In der Krypta unter dem Ehrenmal mit dem Soldaten waren Schilder abgelegt, auf denen zu lesen war: „Kriege kann man beenden – Danke“, aber auch „Tod dem Faschismus“ auf Russisch und Deutsch. Auf der Seite der Treppe zum Ehrenmal lag ein Zettel, der zum Foto vom Treffen sowjetischer und US-Soldaten im Frühjahr 1945 in Torgau verkündete: „Great thanks! – Очень большое спасибо“. Im Blumenmeer am Denkmal der „Mutter Heimat“ am Eingang zum Gelände war auf einem Blatt ein Zitat in Russisch und Deutsch aus dem „Weltjugendlied“ zu lesen: „Jugend aller Nationen! Uns vereint gleicher Sinn, gleicher Mut! Wo auch immer wir wohnen, unser Glück auf dem Frieden beruht.“

Deutsche Polizisten auf Suche nach verbotenen Fahnen und Symbolen

Aber kaum hatten die Diplomaten das Gelände verlassen, gingen Polizisten in Zivil durch die Menschengruppen und forderten dazu auf, die Fahnen und anderen Symbole wieder wegzustecken. „Die Veranstaltung ist jetzt vorbei“, wurde den Gedenkenden klargemacht und gedroht. Zuvor hatten neben den offiziellen Delegationen der ehemaligen Sowjetrepubliken ebenso orthodoxe Priester und etwa 300 Menschen verschiedener Herkunft und unterschiedlichen Alters der für den Sieg gefallenen Sowjetsoldaten gedacht. Unter ihnen waren auch ehemalige Offiziere der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR, die in den Jahren zuvor in ihren Uniformen zum Ehrenmal gekommen waren, was ihnen diesmal verboten war.

Getrenntes Gedenken und Angst vor Polizei

Dieses politische Verbot von bestimmten Formen, wie der gefallenen Sowjetsoldaten gedacht wird, ist absurd und unwürdig. Erst recht angesichts eines Berliner Senats, an dem die Partei beteiligt ist, die sich „Die Linke“ nennt. Der von ihr gestellte Kultursenator Klaus Lederer begleitete am 8. Mai Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey, als diese gemeinsam mit Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (beide SPD) am Sowjetischen Ehrenmahl in Berlin-Schönholz die zuvor für sie abgestellten Kränze fürs Protokoll und die Kameras zurechtzupfte.

Am 8. Mai in Berlin-Schönholz: Getrenntes Gedenken der Gefallenen der Roten Armee

Lederer, Enkel eines deutschen Kommunisten, machte wie die anderen offiziellen Vertreter keinen Schritt vorbei an den vor dem Denkmal der trauernden Mutter Heimat aufgereihten Kränzen aus der Ukraine und der Bundesregierung, des Senats sowie von verschiedenen deutschen Parteien und Institutionen. Auf den flatternden Kranzbändern stand manches vom Gedenken, aber nichts vom Dank für die Befreiung vom Faschismus. Erst hinter dem Denkmal, vor dem Obelisk für die Toten, waren die Kränze der russischen und der belarussischen Botschaft sowie des Russischen Hauses in Berlin platziert. Sie wurden von den Offiziellen der Hauptstadt nicht weiter bedacht. Das setzte dem unwürdigen getrennten Gedenken an die Gefallenen der sowjetischen Völker noch eins drauf – aber es war bezeichnend und passte zu dem vorher erlassenen Verbot, gegen das kein Protest der Partei des Kultursenators bekannt ist.

Dieser Mann, in der Sowjetunion geboren und jüdischen Glaubens, traute sich am Abend des 8. Mai in Berlin-Treptow nur für kurze Augenblicke, das Bild seines Vorfahrens offen zu tragen

Es führte dazu, dass am Nachmittag des 8. Mai in Berlin-Treptow Mark, ein Mensch um die 60, jüdischen Glaubens und in der Sowjetunion aufgewachsen, vorsichtig darum bat, doch schnell ein Foto von ihm vor dem Ehrenmal zu machen – mit der sowjetischen Siegesfahne und dem Foto seines Vorfahren, Soldat der Roten Armee. Er wolle das gern für seine Familie haben, erklärte er mir – und holte verstohlen aus seiner Jacke die zusammengefaltete Flagge und das Foto hervor, um sie für den Augenblick mehrerer Fotos trotz der Polizisten auf dem Gelände zu zeigen. Seine Familie habe sich sehr über die Bilder gefreut, sagte er meiner Freundin und mir später. Auch über die Ansichten vom Gelände des Ehrenmals, die er ihnen per Smartphone zeigte und wo er zum ersten Mal in seinem Leben war.

Am 9. Mai wurden am gleichen Ort Menschen aus Russland von deutschen Polizisten aufgefordert, die Fotos ihrer Angehörigen nicht offen zu tragen

Kleine Freuden und gemeinsames Gedenken

Dieses kleine Erlebnis hat mich ebenso bewegt wie die Freude des Russen darüber, dass meine Freundin und ich als einfache Menschen aus Berlin der sowjetischen Gefallenen gedachten. Er hatte kurz vorher mit den deutschen Polizisten über das Verbot diskutiert. „Es ist mir eine Ehre, heute hier zu sein“, sagte ich zu ihm. Das war es in den Jahren zuvor, ist es in diesem Jahr und wird es auch in den nächsten Jahren sein.

Das war am Vormittag des 9. Mai in Berlin-Treptow

Eine kleine Freude war es auch, als ich am Montag noch erfuhr, dass am Nachmittag des 9. Mai sich russische Gruppen bei Ehrenmal in Treptow ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Polizeieinheiten lieferten. Die Uniformierten seien immer dahin marschiert, wo eine russische oder sowjetische Fahne auftauchte, auch ukrainische, um das zu unterbinden. Kaum hatten sie das Verbot an der einen Stelle des Geländes durchgesetzt, tauchten an anderen Orten beim Ehrenmal russische Fahnen auf. Irgendwann hätten die Polizeieinheiten aufgegeben, wurde mir berichtet.

Abnehmende Dankbarkeit und gefährliches Vergessen

Ebenso erfuhr ich von Augenzeugen, dass an beiden Tagen offensichtliche ukrainische Agenten an der Seite der deutschen Polizisten Jagd auf jene machten, die sowjetische, russische oder ostukrainische Symbole zeigten. Ich kann das nicht überprüfen, aber es passt zu dem, worauf Dagmar Henn am Montag bei RT DE aufmerksam machte: „Am 28. April verabschiedete der Bundestag einen Antrag mit dem Titel ‚Frieden und Freiheit in Europa verteidigen – Umfassende Unterstützung für die Ukraine.‘ Darin findet sich unter III., ‚Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf…‘ der Unterpunkt ‚36. die ukrainischen Strafverfolgungsbehörden bei ihrer Ermittlungsarbeit zu unterstützen.‘ Klein und unauffällig. Man kann, man muss diesen Satz übersetzen. Das bedeutet, der Bundestag hat beschlossen, dass deutsche Behörden ihre Daten an den ukrainischen SBU weiterreichen sollen. An diesen mit Faschisten durchsetzten Dienst, der seit Jahren Informationen über die Gegner der ukrainischen Regierung sammelt, in der Ukraine wie außerhalb, und der dafür bekannt ist, diese Informationen gerne und reichlich an Truppen wie Asow weiterzugeben.“

Gegen die gefährliche Geschichtsvergessenheit

„Благодарное человечество никогда не забудет их подвигов.“ Das ist an einer Gedenkkrypta für die gefallen Sowjetsoldaten auf dem Ehrenmal-Gelände in Berlin-Schönholz zu lesen: „Die dankbare Menschheit vergisst nie ihre Taten.“ Doch gerade erleben wir hierzulande das Gegenteil: Abnehmende Dankbarkeit gegenüber den Völkern der einstigen Sowjetunion, schändliche politische Verbote, Russophobie und Kriegstreiberei, die die Lehren des Zweiten Weltkriegs und des Sieges der Roten Armee über die faschistische Wehrmacht vor 77 Jahren missachtet.

Kränze einiger ehemaliger Sowjetrepubliken am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow am 9. Mai 2022 – es fehlten unter anderem die der baltischen Staaten und der Ukraine

Diese Geschichtsvergessenheit – von den herrschenden Kräften gewollt, von unwissenden Politikern und jungen Menschen auch in Uniform umgesetzt – macht mir Angst. Für mich wird weiter gelten, was an manchen Stellen am 8. und 9. Mai zu lesen und zu hören war: „Cпасибо – Dank Euch, Ihr Sowjetsoldaten!“ Und mir ist wichtig: Dieser Dank gilt allen Soldaten der einstigen Anti-Hitler-Koalition, die zur Befreiung beitrugen, egal aus welchem Land und welcher Herkunft. Ihrer aller ist zu gedenken – egal, was ihre Regierungen nach dem gemeinsamen Sieg machten.